
Atemregulation
Atemübung im Moment der Panik: Der Ausatem als Anker
Eine Panikattacke fühlt sich für viele Menschen wie ein völliger Kontrollverlust an. Das Herz rast, die Brust wird eng, die Gedanken überschlagen sich. In diesem Moment glauben viele Betroffene, ernsthaft krank zu sein oder in Lebensgefahr zu schweben.
Körperlich betrachtet hat das Nervensystem in diesem Moment einen Fehlalarm ausgelöst: Es reagiert mit voller Kampf-oder-Flucht-Mobilisierung, obwohl keine reale äußere Gefahr besteht. Der Atem ist dabei einer der direktesten Wege, dem Körper zu signalisieren, dass er wieder herunterfahren darf.
Warum tiefes Einatmen die Panik oft verstärkt
Der erste Instinkt in einer Panikattacke ist meist, tief und schnell Luft zu holen. Genau das kann die Symptome jedoch verschlimmern: Durch das verstärkte, schnelle Einatmen sinkt der CO2-Spiegel im Blut weiter ab, was Schwindel, Kribbeln und ein Gefühl von Enge zusätzlich verstärken kann, siehe dazu auch den Artikel Hyperventilation: Symptome, Ursachen, was wirklich hilft.
Wirksamer ist meist die entgegengesetzte Richtung: ein bewusst verlangsamter, verlängerter Ausatem.
Eine einfache Übung für den akuten Moment
Eine Hand auf den Bauch, eine Hand auf die Brust. Ruhig und kurz durch die Nase einatmen. Dann durch leicht geöffnete Lippen ausatmen, so lang wie es angenehm möglich ist, idealerweise etwa doppelt so lang wie der Einatemzug. Der verlängerte Ausatem aktiviert über den Vagusnerv den beruhigenden Teil des Nervensystems und sendet dem Körper ein klares Signal: Die Lage ist sicher.
Wichtig dabei: nicht gegen die Panik ankämpfen und nicht krampfhaft kontrollieren wollen, sondern den Atem sanft begleiten. Ein Klammern an eine "perfekte" Technik kann die Anspannung sogar zusätzlich erhöhen.
Eine wichtige Einschränkung
Bei manchen Menschen, insbesondere nach belastenden Erfahrungen oder bei starker Angst vor den eigenen Körperempfindungen, kann die Aufforderung, sich bewusst auf den Atem zu konzentrieren, selbst zu einer zusätzlichen Stressreaktion werden. Wenn sich eine Atemübung in einem akuten Moment falsch oder überfordernd anfühlt, ist das kein Versagen. Dann können äußere Ankerpunkte helfen, etwa das bewusste Benennen von fünf Dingen im Raum, die du siehst, oder Kontakt mit einer kühlen oder festen Oberfläche.
Warum CO2 dabei eine so große Rolle spielt
Der amerikanische Psychiater Donald Klein prägte dafür in den 1990er-Jahren die "Suffocation False Alarm"-Theorie: Ein überempfindlicher Erstickungs-Alarm im Gehirn kann fälschlicherweise Gefahr signalisieren, sobald der CO2-Spiegel im Blut leicht ansteigt, obwohl objektiv keine Erstickungsgefahr besteht1. Diese Theorie erklärt gut, warum manche Menschen besonders empfindlich auf CO2-Schwankungen reagieren und warum ein gezieltes Training der CO2-Toleranz von einigen als hilfreicher Baustein im Umgang mit wiederkehrender Panik beschrieben wird.
Die langfristige Arbeit im Hintergrund
Wer regelmäßig Panikattacken erlebt, profitiert oft davon, unabhängig vom akuten Moment an der eigenen CO2-Toleranz zu arbeiten. Eine niedrige Toleranz macht das Nervensystem empfindlicher für genau die körperlichen Signale, die eine Panikattacke auslösen oder verstärken können. Wie du diese Toleranz Schritt für Schritt aufbaust, beschreibt der Artikel CO2-Toleranz trainieren. Mit der Zeit und regelmäßigem, sanftem Training kann sich diese Schwelle spürbar erhöhen, das Nervensystem reagiert dann insgesamt gelassener auf plötzliche körperliche Signale.
Wenn du lernen willst, deinen Atem gezielt als Werkzeug gegen Angst und Anspannung einzusetzen, ist eine Einzelsession ein guter, persönlich begleiteter Einstieg.
Quelle
1. Preter, M. & Klein, D. F. (2008): Panic, Suffocation False Alarms, Separation Anxiety and Endogenous Opioids, Progress in Neuro-Psychopharmacology and Biological Psychiatry / PMC.
Häufige Fragen
Warum verstärkt tiefes Einatmen die Panik oft?
Der erste Instinkt in einer Panikattacke ist meist, tief und schnell Luft zu holen. Genau das kann die Symptome verschlimmern: Durch das verstärkte, schnelle Einatmen sinkt der CO2-Spiegel im Blut weiter ab, was Schwindel, Kribbeln und ein Gefühl von Enge zusätzlich verstärkt.
Welche Atemübung hilft im akuten Moment?
Eine Hand auf den Bauch, eine auf die Brust. Ruhig und kurz durch die Nase einatmen, dann durch leicht geöffnete Lippen ausatmen, so lang wie angenehm möglich, idealerweise etwa doppelt so lang wie der Einatemzug. Der verlängerte Ausatem aktiviert über den Vagusnerv den beruhigenden Teil des Nervensystems.
Was passiert bei einer Panikattacke im Körper?
Das Nervensystem löst einen Fehlalarm aus. Es reagiert mit voller Kampf-oder-Flucht-Mobilisierung, obwohl keine reale äußere Gefahr besteht. Deshalb rast das Herz und wird die Brust eng, ohne dass eine körperliche Erkrankung dahintersteckt.
Was sollte man dabei vermeiden?
Nicht gegen die Panik ankämpfen und nicht krampfhaft kontrollieren wollen, sondern den Atem sanft begleiten. Das Klammern an eine perfekte Technik kann die Anspannung sogar zusätzlich erhöhen.
Dieser Artikel ordnet allgemein verfügbares Wissen ein und ersetzt keine individuelle ärztliche oder therapeutische Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder vor Beginn einer neuen Atempraxis sprich im Zweifel mit deinem Arzt/deiner Ärztin oder deinem Therapeuten/deiner Therapeutin.

Über den Autor
Nils Hammann
Breathwork-Coach aus Bielefeld. Zeigt dir, wie du über deinen Atem dein Nervensystem beruhigst und steuerst.
Mehr über Nils →Nächster Schritt
Theorie ist gut. Erleben ist besser.
Wenn du spüren willst, was du gerade gelesen hast: im kostenfreien Live-Webinar zeige ich dir die drei Säulen von Breathwork direkt zum Mitmachen.