Atemübung bei Panikattacken: Was wirklich hilft

Atemregulation

Atemübung bei Panikattacken: Was wirklich hilft

← Blog· 2. April 2025· 8 Min. Lesezeit· Nils Hammann

Eine Panikattacke fühlt sich für viele Menschen wie ein völliger Kontrollverlust an. Das Herz rast, die Brust wird eng, die Gedanken überschlagen sich. In diesem Moment glauben viele Betroffene, ernsthaft krank zu sein oder in Lebensgefahr zu schweben.

Körperlich betrachtet hat das Nervensystem in diesem Moment einen Fehlalarm ausgelöst: Es reagiert mit voller Kampf-oder-Flucht-Mobilisierung, obwohl keine reale äußere Gefahr besteht. Der Atem ist dabei einer der direktesten Wege, dem Körper zu signalisieren, dass er wieder herunterfahren darf.

Warum tiefes Einatmen die Panik oft verstärkt

Der erste Instinkt in einer Panikattacke ist meist, tief und schnell Luft zu holen. Genau das kann die Symptome jedoch verschlimmern: Durch das verstärkte, schnelle Einatmen sinkt der CO2-Spiegel im Blut weiter ab, was Schwindel, Kribbeln und ein Gefühl von Enge zusätzlich verstärken kann, siehe dazu auch den Artikel Hyperventilation: Symptome, Ursachen, was wirklich hilft.

Wirksamer ist meist die entgegengesetzte Richtung: ein bewusst verlangsamter, verlängerter Ausatem.

Eine einfache Übung für den akuten Moment

Eine Hand auf den Bauch, eine Hand auf die Brust. Ruhig und kurz durch die Nase einatmen. Dann durch leicht geöffnete Lippen ausatmen, so lang wie es angenehm möglich ist, idealerweise etwa doppelt so lang wie der Einatemzug. Der verlängerte Ausatem aktiviert über den Vagusnerv den beruhigenden Teil des Nervensystems und sendet dem Körper ein klares Signal: Die Lage ist sicher.

Wichtig dabei: nicht gegen die Panik ankämpfen und nicht krampfhaft kontrollieren wollen, sondern den Atem sanft begleiten. Ein Klammern an eine "perfekte" Technik kann die Anspannung sogar zusätzlich erhöhen.

Eine wichtige Einschränkung

Bei manchen Menschen, insbesondere nach belastenden Erfahrungen oder bei starker Angst vor den eigenen Körperempfindungen, kann die Aufforderung, sich bewusst auf den Atem zu konzentrieren, selbst zu einer zusätzlichen Stressreaktion werden. Wenn sich eine Atemübung in einem akuten Moment falsch oder überfordernd anfühlt, ist das kein Versagen. Dann können äußere Ankerpunkte helfen, etwa das bewusste Benennen von fünf Dingen im Raum, die du siehst, oder Kontakt mit einer kühlen oder festen Oberfläche. Wer wiederkehrende, starke Panikattacken erlebt, sollte das zusätzlich ärztlich oder therapeutisch abklären lassen.

Warum CO2 dabei eine so große Rolle spielt

Der amerikanische Psychiater Donald Klein prägte dafür in den 1990er-Jahren die "Suffocation False Alarm"-Theorie: Ein überempfindlicher Erstickungs-Alarm im Gehirn kann fälschlicherweise Gefahr signalisieren, sobald der CO2-Spiegel im Blut leicht ansteigt, obwohl objektiv keine Erstickungsgefahr besteht1. Diese Theorie erklärt gut, warum Menschen mit Panikstörungen besonders empfindlich auf CO2-Schwankungen reagieren und warum das gezielte Training der CO2-Toleranz bei wiederkehrenden Panikattacken so wirksam sein kann.

Die langfristige Arbeit im Hintergrund

Wer regelmäßig Panikattacken erlebt, profitiert oft davon, unabhängig vom akuten Moment an der eigenen CO2-Toleranz zu arbeiten. Eine niedrige Toleranz macht das Nervensystem empfindlicher für genau die körperlichen Signale, die eine Panikattacke auslösen oder verstärken können. Wie du diese Toleranz Schritt für Schritt aufbaust, beschreibt der Artikel CO2-Toleranz trainieren. Mit der Zeit und regelmäßigem, sanftem Training wird diese Schwelle spürbar höher, wodurch Panikattacken bei vielen Menschen seltener, schwächer und kürzer werden.

Wenn du lernen willst, deinen Atem gezielt als Werkzeug gegen Angst und Anspannung einzusetzen, ist eine Einzelsession ein guter, persönlich begleiteter Einstieg.

Quelle

1. Preter, M. & Klein, D. F. (2008): Panic, Suffocation False Alarms, Separation Anxiety and Endogenous Opioids, Progress in Neuro-Psychopharmacology and Biological Psychiatry / PMC.

Nächster Schritt

Theorie ist gut. Erleben ist besser.

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