CO2-Toleranz trainieren: Das unterschätzte Fundament

Atemfunktion

CO2-Toleranz trainieren: Das unterschätzte Fundament

← Blog· 15. März 2025· 9 Min. Lesezeit· Nils Hammann

Im Breathwork- und Atemcoaching-Bereich fällt ein Begriff auffällig selten, obwohl er eigentlich das Fundament von fast allem ist, was gute Atmung ausmacht: die CO2-Toleranz. Sie bestimmt mit, wie gut du mit Stress umgehst, wie schnell du dich nach Anspannung erholst, wie tief du schläfst und wie klar dein Kopf im Alltag bleibt.

Was CO2-Toleranz eigentlich ist

Dein Körper besitzt Chemorezeptoren, die kontinuierlich die CO2-Konzentration im Blut messen. Steigt der Wert, sendet das Atemzentrum ein Signal: Jetzt atmen. Wie sensibel dieses System reagiert, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und lässt sich trainieren. Je höher deine CO2-Toleranz, desto länger kannst du ruhig bleiben, bevor dieser Atemreiz einsetzt, und desto gelassener reagiert dein gesamtes Nervensystem auf die kleinen CO2-Schwankungen, die im Alltag ständig vorkommen.

Eine niedrige CO2-Toleranz geht häufig mit erhöhter Anfälligkeit für Angst, Panikattacken und chronische Überatmung einher. Das liegt an der besonderen Empfindlichkeit des Atemzentrums bei diesen Personen, nicht an mangelnder Willenskraft. Mehr zum Zusammenhang zwischen Atmung und Angst liest du im Artikel Warum Atmen bei Angst nicht immer sofort hilft.

Der BOLT-Test: Deine CO2-Toleranz selbst messen

Der bekannteste Selbsttest dafür ist der BOLT-Score (Body Oxygen Level Test), manchmal auch Kontrollpause genannt. Er geht zurück auf den ukrainischen Arzt Konstantin Buteyko und wurde später vor allem durch den irischen Atemtrainer Patrick McKeown und sein Oxygen-Advantage-Konzept international bekannt. In meiner eigenen Arbeit nutze ich den BOLT-Wert als einfachen, wiederholbaren Ausgangspunkt, um zu sehen, wo jemand aktuell steht, und um Fortschritt über Wochen sichtbar zu machen. So funktioniert der Test:

Atme ganz normal und ruhig durch die Nase ein und wieder aus. Halte danach die Nase mit den Fingern zu und stoppe die Zeit, bis der erste deutliche Atemreiz kommt, also das erste klare Verlangen, wieder einzuatmen. Lass dann los und atme ruhig durch die Nase weiter ein.

Wichtig dabei: Der Test misst nicht, wie lange du maximal die Luft anhalten kannst, sondern nur die Zeit bis zum ersten Impuls. Wird der erste Atemzug danach hörbar oder tief, wurde zu lange gehalten und der Wert ist verfälscht. Am aussagekräftigsten ist die Messung morgens direkt nach dem Aufwachen, weil die Atmung im Schlaf nicht bewusst beeinflusst werden kann.

Wer den Test lieber digital geführt machen möchte, statt selbst die Zeit zu stoppen: Zum CO2-Toleranztest in der Atemwunder App.

Was die Werte bedeuten

Als grobe Orientierung: Werte um 10 Sekunden deuten auf eine sehr angespannte, oft unregelmäßige Atmung hin. Ab etwa 20 Sekunden wird die Atmung spürbar ruhiger. Bei 25 Sekunden gilt die Atemfunktion nach gängigen Einschätzungen als weitgehend unauffällig, viele Symptome wie Angstgefühle oder Erschöpfung lassen um diesen Wert herum spürbar nach. Ab 40 Sekunden gilt die Atmung als sehr ruhig und kaum noch wahrnehmbar. Das ist ein realistisches, aber langfristiges Ziel, kein Wert, den man in wenigen Tagen erreicht.

Wie du die Toleranz Schritt für Schritt aufbaust

Der Aufbau verläuft normalerweise langsam und stetig, mit ungefähr drei bis vier Sekunden Verbesserung pro Woche bei regelmäßigem Üben. Drei Bausteine sind dabei besonders wirksam:

Konsequente Nasenatmung, Tag und Nacht, ist die Grundlage. Mehr dazu im Artikel Nasen- statt Mundatmen. Darauf folgt eine bewusst reduzierte Atemtiefe in Ruhephasen, bei der du die Atmung sanft verkleinerst, bis ein leichter, gut aushaltbarer Lufthunger entsteht, ohne dabei Muskeln anzuspannen oder die Luft anzuhalten. Diese reduzierte Atmung ist der Kern der Buteyko-Methode. Ergänzend helfen strukturierte, dosierte Atemanhalteübungen, die den Körper gezielt und in kleinen Schritten an höhere CO2-Werte gewöhnen.

Sicherheit geht vor

Wer einen sehr niedrigen BOLT-Wert hat, unter Panikstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder anderen ernsthaften gesundheitlichen Einschränkungen leidet oder schwanger ist, sollte auf intensivere Atemanhalteübungen verzichten und stattdessen mit sanfteren Formen wie ruhiger Nasenatmung beginnen. Im Zweifel lohnt sich ärztlicher Rat vor dem Einstieg in ein strukturiertes CO2-Training.

Kein anderes einzelnes Training verändert das grundlegende Stresslevel im Alltag so nachhaltig wie eine steigende CO2-Toleranz. Wer das nicht allein, sondern strukturiert und mit Feedback erarbeiten möchte, findet in einer Einzelsession den passenden Rahmen dafür.

Quelle

1. Bowler, S. D. et al. (1998): Buteyko breathing techniques in asthma: a blinded randomised controlled trial, Medical Journal of Australia.

Nächster Schritt

Theorie ist gut. Erleben ist besser.

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