
Atme mal tief durch.
Den Satz hast du bestimmt schon oft gehört, und er ist gut gemeint. Dahinter steckt eine Überzeugung, die wir alle mit uns herumtragen: Viel Luft ist gut. Sauerstoff ist das Ziel. Je mehr, desto besser.
Und wenn dieser Satz für die meisten Menschen genau verkehrt herum wäre?
Der Grund dafür hat einen Namen, den kaum jemand kennt, obwohl er seit 1904 bekannt ist.
Der Bohr-Effekt
In der Schule lernen wir: Sauerstoff rein, Kohlendioxid raus. CO2 als Abfall.
Das ist technisch richtig und erzählt trotzdem nur die halbe Geschichte.
Denn CO2 ist der Mechanismus, durch den Sauerstoff überhaupt aus dem Blut ins Gewebe gelangt.
Der dänische Physiologe Christian Bohr hat das vor über hundert Jahren beschrieben. Hämoglobin, das Transportmolekül in deinen roten Blutkörperchen, gibt seinen Sauerstoff nur dann bereitwillig ab, wenn genug CO2 da ist.
Ist zu wenig CO2 im Blut, hält das Hämoglobin den Sauerstoff fest wie eine geschlossene Faust. Er bleibt im Kreislauf, statt dort anzukommen, wo er gebraucht wird: in Muskeln, Organen, Gehirn.
Daraus folgt ein Paradox, das dir vermutlich nie jemand erklärt hat. Wer chronisch zu viel atmet, spült CO2 aus dem Blut und bekommt dadurch weniger Sauerstoff in die Zellen, obwohl er mehr einatmet.
Wie sich Überatmung im Alltag zeigt
Die wenigsten Menschen hyperventilieren so, dass es auffällt. Kein dramatischer Anfall, kein Schnappen nach Luft.
Es ist viel leiser.
Mundatmung im Sitzen. Häufiges Seufzen. Brust und Schultern, die sich beim Atmen sichtbar heben, obwohl der Körper in Ruhe ist.
All das sind Anzeichen für eine Atmung, die mehr bewegt, als der Körper gerade braucht.
Über Monate und Jahre verschiebt das Nervensystem daraufhin seine eigene Referenz. Die Chemorezeptoren, die das CO2 messen, werden empfindlicher. Du verträgst dann selbst normale Schwankungen schlechter, bist schneller außer Atem und gerätst leichter in ein Gefühl von Enge.
Die Folgen im Alltag sind unspezifisch, und deshalb bringt sie kaum jemand mit der Atmung in Verbindung.
Schlechter Schlaf. Ein Grundrauschen an Anspannung. Schwankende Energie. Das Gefühl, gedanklich nie ganz herunterzukommen.
Wie oft das vorkommt, hat eine Übersichtsarbeit von 2019 zusammengetragen. Unter Menschen mit Asthma zeigte ein Drittel der Frauen und ein Fünftel der Männer ein auffälliges Atemmuster.
Ein Muster, an dem sich arbeiten lässt. Eine ärztlich diagnostizierte Atemwegserkrankung gehört davon unabhängig in fachärztliche Behandlung. Und das kaum jemand untersucht, weil alle auf die Lunge schauen.
Wie viel dabei tatsächlich verlorengeht
Das lässt sich beziffern, und die Zahl ist größer, als die meisten erwarten.
Jack Feldman, der den Atemrhythmusgenerator im Hirnstamm entdeckt hat, nennt für willentliche Hyperventilation eine Größenordnung von dreißig bis vierzig Prozent weniger Sauerstoff im Gehirn.
Und zwar bei völlig normaler Sauerstoffsättigung im Blut.
Verantwortlich ist der Abfall des CO2. Die Gefäße im Gehirn verengen sich, und es kommt schlicht weniger Blut oben an.
Das erklärt Schwindel, ein tunnelartiges Blickfeld und das Gefühl von Unwirklichkeit beim starken Hyperventilieren. Und es erklärt das Gegenintuitive daran: Das Pulsoximeter am Finger zeigt in diesem Moment einen tadellosen Wert. Die Sättigung im Blut ist in Ordnung. Sie sagt nur nichts darüber, was im Gewebe ankommt.
Was du ab heute ändern kannst
Der erste und wichtigste Hebel ist Nasenatmung im Alltag.
Sie filtert, befeuchtet und erwärmt die Luft, produziert gefäßerweiterndes Stickstoffmonoxid und verlangsamt deinen Rhythmus automatisch. Beim Sport gilt sie im lockeren bis mittleren Bereich, bei hoher Intensität wechselt praktisch jeder zur Mundatmung, und das ist Physiologie. Mehr in Nasen- statt Mundatmen.
Der zweite Hebel ist, die Atemtiefe in Ruhephasen zu reduzieren. Durch Entspannen, nicht durch Anhalten.
Kleiner, leiser, sanfter atmen, als wolltest du unbemerkt bleiben. Das fühlt sich zuerst nach zu wenig Luft an, und genau dieser leichte, gut aushaltbare Lufthunger ist der Trainingsreiz. Die praktische Fortsetzung steht in CO2-Toleranz trainieren.
In der Schwangerschaft, bei Epilepsie und bei unbehandeltem Bluthochdruck arbeitest du nicht mit Lufthunger, sondern bleibst bei ruhiger, leichter Nasenatmung.
Wo das in meiner Arbeit steht
Das hier ist das Fundament meiner Arbeit, die Atemfunktion. Deshalb fange ich mit fast jedem Menschen dort an.
Bevor die drei Säulen darauf greifen können, muss die Basis stimmen: genug CO2-Toleranz, damit der Körper aus dem Dauerfeueralarm herauskommt. Welche drei Säulen das sind, steht in Was ist Breathwork.
Warum der verbreitetste Rat überhaupt genau hier danebengeht, steht in Bringt tiefes Atmen mehr Sauerstoff ins Gehirn.
Der Atem, den du nicht nimmst, ist manchmal der wichtigere. Das klingt widersprüchlich und ist physiologisch betrachtet einfach nur ehrlich.
Ob in einer Einzelsession oder in einer Atemreise: Hier fängt es an.
Dieser Artikel ordnet allgemein verfügbares Wissen ein und ersetzt keine individuelle ärztliche oder therapeutische Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder vor Beginn einer neuen Atempraxis sprich im Zweifel mit deinem Arzt/deiner Ärztin oder deinem Therapeuten/deiner Therapeutin.
Quelle
1. Vidotto, L. S. et al. (2019): Dysfunctional breathing: what do we know?, Jornal Brasileiro de Pneumologia 45(1):e20170347.
Häufige Fragen
Warum ist zu viel Atmen ungünstig?
Wer chronisch mehr atmet als nötig, spült CO2 aus dem Blut. Da CO2 die Sauerstoffabgabe vom Blut ins Gewebe steuert, kommt dadurch weniger Sauerstoff in Muskeln, Organen und Gehirn an, obwohl mehr eingeatmet wird. Die Menge der eingeatmeten Luft sagt also wenig darüber aus, wie gut das Gewebe versorgt ist.
Was ist der Bohr-Effekt?
Der dänische Physiologe Christian Bohr beschrieb 1904, dass Hämoglobin seinen Sauerstoff nur dann bereitwillig an das Gewebe abgibt, wenn genug CO2 vorhanden ist. Ist zu wenig CO2 im Blut, hält das Hämoglobin den Sauerstoff fest und er bleibt im Kreislauf, statt dort anzukommen, wo er gebraucht wird.
Woran merke ich, dass ich zu viel atme?
Chronisches Überatmen ist meist unauffällig, es gibt keinen dramatischen Anfall. Typische Anzeichen sind Mundatmung im Sitzen, häufiges Seufzen und ein sichtbares Heben von Brust und Schultern beim Atmen, obwohl der Körper in Ruhe ist. Die Folgen im Alltag sind unspezifisch: schlechterer Schlaf, ein Grundrauschen an Anspannung, schwankende Energie.
Was kann ich sofort ändern?
Ein sehr wirksamer Hebel ist Nasenatmung im Alltag, beim Sport im lockeren bis mittleren Bereich. Die Nase filtert, befeuchtet und erwärmt die Luft und verlangsamt den Atemrhythmus automatisch. Der zweite Hebel ist, die Atemtiefe in Ruhephasen bewusst zu reduzieren, durch Entspannen statt durch Anhalten. Kleiner, leiser und sanfter atmen.

Über den Autor
Nils Hammann
Breathwork-Coach aus Bielefeld. Zeigt dir, wie dein Atem wirklich funktioniert und wie du ihn gezielt einsetzt.
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