
Atemfunktion
Was ist Breathwork? Eine Einordnung
Breathwork ist zu einem Sammelbegriff geworden, unter dem inzwischen sehr unterschiedliche Praktiken laufen: von kurzen Entspannungsübungen über Leistungssteigerung im Sport bis hin zu mehrstündigen, emotional intensiven Atemreisen. Wer den Begriff zum ersten Mal hört, hat meist keine klare Vorstellung, was ihn konkret erwartet.
Im Kern beschreibt Breathwork die bewusste, gezielte Steuerung der Atmung, um körperliche oder psychische Zustände zu verändern. Anders als beim normalen Atmen, das automatisch abläuft, wird hier Rhythmus, Tiefe oder Atemmuster aktiv gesteuert, mit einem klaren Ziel: Aktivierung, Beruhigung, Fokus oder tiefere emotionale Verarbeitung.
Die grobe Bandbreite
Am einen Ende des Spektrums stehen kurze, funktionale Techniken wie Box Breathing oder die 4-7-8-Atmung, die man in wenigen Minuten lernt und im Alltag einsetzt, etwa vor einer Präsentation oder beim Einschlafen. Diese Techniken wirken hauptsächlich über das autonome Nervensystem und sind gut erforscht.
Am anderen Ende steht das, was oft als transformative oder verbundene Atemarbeit bezeichnet wird: längere Sessions mit einem durchgehenden, verbundenen Atemrhythmus ohne Pause zwischen Ein- und Ausatmung. Diese Form kann intensive körperliche Empfindungen und emotionale Prozesse auslösen und braucht deutlich mehr Vorbereitung, Kontext und eine geschulte Begleitung. Mehr dazu im Artikel Was ist transformative Atemarbeit?.
Einordnung zu bekannten Methoden
Wer sich mit dem Thema beschäftigt, stößt schnell auf verwandte, oft parallel entstandene Ansätze und ihre bekanntesten Vertreter. Die Wim-Hof-Methode kombiniert eine kraftvolle Atemtechnik mit Kälteexposition und ist vor allem für ihre aktivierende, leistungsorientierte Ausrichtung bekannt. Auf der funktionalen, eher medizinisch geprägten Seite steht die bereits erwähnte Buteyko-Methode, die durch Patrick McKeown und sein Oxygen-Advantage-Konzept international verbreitet wurde. Am transformativen Ende des Spektrums stehen Ansätze wie das Holotropic Breathwork von Stanislav Grof oder das Rebirthing von Leonard Orr, die beide in den 1970er-Jahren entstanden sind und bis heute die Grundlage vieler moderner Formen verbundener Atemarbeit bilden, mehr dazu im Artikel Verbundenes Atmen. Pranayama wiederum bezeichnet die traditionellen Atemtechniken aus dem Yoga, aus denen viele heutige Übungen wie Wechselatmung ursprünglich stammen.
In meiner eigenen Arbeit orientiere ich mich an mehreren dieser Traditionen, ohne mich auf eine einzelne festzulegen. Jede bringt eigene Stärken mit, und die Kunst liegt darin, für die jeweilige Person und Situation die passende Technik auszuwählen, statt eine einzelne Methode als Allheilmittel zu verkaufen.
Was die Wissenschaft dazu sagt
Für die funktionalen, kurzen Techniken gibt es solide Forschung zu Effekten auf Herzratenvariabilität, Stresshormone und subjektives Stressempfinden. Auch für aktivierende Formen wie die Wim-Hof-Methode existieren inzwischen kontrollierte Studien, unter anderem zu Effekten auf das Immunsystem1. Für die intensiveren, längeren Formen der Atemarbeit ist die Forschungslage insgesamt jünger und kleinteiliger, wächst aber. Seriöse Anbieter kommunizieren diesen Unterschied offen, statt alle Effekte pauschal als "wissenschaftlich bewiesen" zu verkaufen.
Für wen eignet sich was
Wer punktuelle Stressregulation im Alltag sucht, kommt oft schon mit den kurzen Techniken sehr weit. Wer tiefer an emotionalen Mustern, altem Stress oder körperlich gespeicherten Themen arbeiten möchte, findet in den intensiveren Formen der Atemarbeit einen Zugang, der über reine Entspannung hinausgeht. Beide Wege haben ihre Berechtigung, und viele Menschen nutzen im Alltag die kurzen Techniken, während sie punktuell tiefere Sessions in Anspruch nehmen.
Wenn du herausfinden willst, welcher Zugang für dich passt, ist eine Einzelsession ein guter Ausgangspunkt, oder du schaust dir die kommenden Events an.
Quelle
1. Kox, M. et al. (2014): Voluntary Activation of the Sympathetic Nervous System and Attenuation of the Innate Immune Response in Humans, PNAS.
Häufige Fragen
Was ist Breathwork einfach erklärt?
Breathwork bezeichnet die bewusste, gezielte Steuerung der Atmung, um körperliche oder psychische Zustände zu verändern. Anders als beim automatischen Atmen werden Rhythmus, Tiefe und Atemmuster aktiv gesteuert, mit einem klaren Ziel: Aktivierung, Beruhigung, Fokus oder tiefere emotionale Verarbeitung.
Was ist der Unterschied zwischen Breathwork und Pranayama?
Pranayama bezeichnet die traditionellen Atemtechniken aus dem Yoga, aus denen viele heutige Übungen wie die Wechselatmung ursprünglich stammen. Breathwork ist der modernere Sammelbegriff, der neben diesen Techniken auch funktionale Ansätze wie die Buteyko-Methode und transformative Formen wie verbundenes Atmen umfasst.
Ist Breathwork wissenschaftlich belegt?
Das hängt von der Form ab. Für kurze, funktionale Techniken gibt es solide Forschung zu Effekten auf Herzratenvariabilität, Stresshormone und subjektives Stressempfinden. Für die längeren, intensiveren Formen der Atemarbeit ist die Forschungslage jünger und kleinteiliger. Seriöse Anbieter benennen diesen Unterschied, statt alles pauschal als wissenschaftlich bewiesen darzustellen.
Für wen eignet sich welche Form von Breathwork?
Wer punktuelle Stressregulation im Alltag sucht, kommt mit kurzen Techniken wie Box Breathing oder kohärentem Atmen bei etwa sechs Atemzügen pro Minute meist schon weit. Wer an emotionalen Mustern oder länger bestehender Anspannung arbeiten möchte, findet in den intensiveren Formen einen Zugang, der über reine Entspannung hinausgeht. Diese brauchen allerdings mehr Vorbereitung und eine geschulte Begleitung.
Dieser Artikel ordnet allgemein verfügbares Wissen ein und ersetzt keine individuelle ärztliche oder therapeutische Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder vor Beginn einer neuen Atempraxis sprich im Zweifel mit deinem Arzt/deiner Ärztin oder deinem Therapeuten/deiner Therapeutin.

Über den Autor
Nils Hammann
Breathwork-Coach aus Bielefeld. Zeigt dir, wie dein Atem wirklich funktioniert – und wie du ihn gezielt einsetzt.
Mehr über Nils →Nächster Schritt
Theorie ist gut. Erleben ist besser.
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