
Kapazitätsaufbau
Wim Hof Atmung erklärt: Was die Iceman-Methode wirklich in deinem Körper bewirkt
Eisbäder, Rekorde im Schnee und eine globale Atem-Revolution: Wim Hof, bekannt als der "Iceman", hat das Thema Breathwork aus der spirituellen Nische direkt in den Mainstream katapultiert. Weltweit nutzen viele Menschen seine Methode für Energie, Fokus und Kälteanwendungen.
Doch was genau passiert bei dieser extremen Form der Atmung eigentlich im Körper?
Hinter dem Phänomen steckt eine Kombination aus kontrollierter Hyperventilation und Phasen des Atemanhaltens. Wer die Biochemie dahinter versteht, kann die Technik bewusster und sicherer üben.
Der Hype um den Iceman: Was steckt hinter der Wim-Hof-Atmung?
Die Wim-Hof-Methode beruht auf drei Bausteinen: Atemtechnik, Kälteexposition und mentale Fokussierung. Die Atemkomponente ist dabei ein starker Hebel, um das autonome Nervensystem aktiv zu beeinflussen.
In meiner Arbeit gehört sie zum Kapazitätsaufbau. Dort setzt du dich bewusst und dosiert kleinen Reizen aus und übst so, auch unter Anspannung ruhig zu bleiben. Du steigerst in deinem Tempo.
Im Kern handelt es sich bei der Wim-Hof-Atmung um eine Form der zyklischen Hyperventilation. Durch tiefes, schnelles Einatmen und entspanntes Ausatmen flutest du den Körper mit Luft, gefolgt von einer Phase, in der du die Luft auf ausgeatmeter Lunge anhältst (Retention).
Biochemie im Ausnahmezustand: Was bei der Atmung im Körper passiert
Während einer Session verändert sich deine innere Chemie schlagartig. Das lässt sich in zwei Phasen unterteilen:
- Phase 1: Die Beatmung (Zyklische Hyperventilation): Durch das kontinuierliche, tiefe Einatmen atmest du massiv Kohlendioxid (CO2) ab. Dein Blut wird dadurch kurzfristig basischer (der pH-Wert steigt an). Die Sauerstoffsättigung im Blut liegt zwar bereits bei fast 100 Prozent, aber durch den Mangel an CO2 zieht sich das System leicht zusammen.
- Phase 2: Das Anhalten (Retention): Wenn du nach etwa 30 Atemzügen die Luft nach der Ausatmung anhältst, sinkt der Sauerstoffgehalt im Gewebe langsam ab. Weil du vorher viel CO2 abgeatmet hast, bleibt der typische Atemreiz für überraschend lange Zeit aus. Dein Körper erlebt einen kontrollierten, kurzen Sauerstoffmangel (Hypoxie).
Wie grundlegende Atemmechanismen und der CO2-Spiegel zusammenhängen, kannst du auch im Artikel über Atemfunktion und Sauerstoffsättigung nachlesen.
Was im Körper passiert: Adrenalin, pH-Wert und Fokus
In einer berühmten Studie der Radboud-Universität in Nijmegen (Kox et al., 2014) zeigte sich bei einer kleinen Gruppe gesunder Probanden ein kurzfristiger Einfluss der Atemtechnik auf das autonome Nervensystem. Auf Erkrankungen lassen sich diese Ergebnisse nicht übertragen.
- Ein deutlicher Adrenalinschub: Während der Atempraxis steigt der Adrenalinspiegel deutlich an. Viele erleben sich danach hellwach und fokussiert.
- Ein Laborbefund: In der Studie reagierte der Körper gesunder Teilnehmer auf einen Reiz anders als in der Vergleichsgruppe. Was das für den Alltag bedeutet, ist offen.
- Ruhe unter Anspannung: Beim Aushalten der Atempause auf leerer Lunge übst du, auch bei körperlichen Stresssignalen ruhig und gelassen zu bleiben.
Schritt für Schritt: Wie eine Runde der Wim-Hof-Atmung abläuft
Wichtig: Übe diese Technik niemals im Wasser, im Stehen oder beim Autofahren. Leg dich auf eine Matte. So kannst du beim Halten ganz loslassen, und dein Körper ist sicher. Für die einfache Form kannst du auch stabil auf dem Boden sitzen, mit freiem Raum ohne harte Kanten um dich. Auf einem Stuhl übst du sie besser nicht.
Und sie ist nicht für jeden: Bei Schwangerschaft, Epilepsie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hohem Blutdruck, einem Aneurysma, einem Schlaganfall in der Vergangenheit, Glaukom oder Netzhautablösung gehört diese Atmung nicht in die Eigenpraxis. Die vollständige Liste steht unter Kontraindikationen.
- Power-Atmung (30 bis 40 Wiederholungen): Atme tief durch die Nase oder den Mund in den Bauch und Brustkorb ein. Lass die Luft ohne Druck einfach wieder ausströmen. Nicht krampfhaft ausblasen.
- Die Atempause (Retention): Atme nach der letzten Wiederholung entspannt aus und halte die Luft auf leerer Lunge an. Stoppe die Zeit nicht, sondern lausche einfach in deinen Körper hinein, bis der natürliche Impuls zum Einatmen kommt.
- Der Erholungsatem: Atme einmal tief ein, halte die Luft für etwa 15 Sekunden im Brustkorb fest und spüre die Entspannung im Kopf.
- Wiederholung: Wiederhole diesen Rhythmus für insgesamt 3 bis 4 Runden.
Wie du nach so einer aktivierenden Praxis wieder sanft in den Ruhemodus wechselst, erfährst du im Beitrag über Sympathikus und Parasympathikus.
Theorie ist gut. Erleben ist besser.
Die Wim-Hof-Atmung ist ein kraftvolles Werkzeug, um wach und klar zu werden. Sie ist jedoch eine intensive Praxis, die deinen Körper fordert. Deshalb steht sie bei mir auf einem Fundament: Wer durch die Nase atmet und sein Nervensystem ein Stück weit kennt, hat für kraftvolle Runden den besseren Boden.
Möchtest du sehen, wo der Kapazitätsaufbau in deiner Praxis seinen Platz hat und was davor kommt? Im kostenfreien Webinar Breathwork Basics zeige ich dir das Fundament und die drei Säulen, die darauf stehen.
Dieser Artikel ordnet allgemein verfügbares Wissen ein und ersetzt keine individuelle ärztliche oder therapeutische Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder vor Beginn einer neuen Atempraxis sprich im Zweifel mit deinem Arzt/deiner Ärztin oder deinem Therapeuten/deiner Therapeutin.
Quellen
Kox, M. et al. (2014): Voluntary activation of the sympathetic nervous system and attenuation of the innate immune response in humans, PNAS 111(20):7379 bis 7384.
Zwaag, J., Naaktgeboren, R., van Herwaarden, A. E., Pickkers, P. und Kox, M. (2022): The Effects of Cold Exposure Training and a Breathing Exercise on the Inflammatory Response in Humans: A Pilot Study, Psychosomatic Medicine 84(4):457 bis 467.
Häufige Fragen
Warum kribbelt es während der Wim-Hof-Atmung in Händen und Füßen?
Das Kribbeln entsteht durch das Abatmen von viel Kohlendioxid (CO2). Dadurch steigt der pH-Wert im Blut leicht an und die Blutgefäße verengen sich minimal. Das Phänomen ist völlig harmlos und verschwindet kurz nach der Session von alleine.
Kann ich die Wim-Hof-Atmung jeden Tag machen?
Für gesunde Menschen ist eine tägliche Runde morgens auf nüchternen Magen eine tolle Routine. Achte jedoch auf deinen Körper: Wenn du dich dauerhaft erschöpft fühlst oder unter chronischem Stress leidest, solltest du sanftere Atemtechniken bevorzugen, etwa die Buteyko-Atmung. Bei Schwangerschaft, Epilepsie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder hohem Blutdruck ist die Wim-Hof-Atmung nichts für die Eigenpraxis.
Ist die Wim-Hof-Atmung ungefährlich?
Bei gesunden Menschen ja. Allerdings führt die Technik zu kurzen Schwindelgefühlen oder einer kurzzeitigen Ohnmacht, weshalb sie niemals im Wasser (Gefahr des Ertrinkens durch Shallow Water Blackout), im Stehen oder beim Fahren angewendet werden darf. Personen mit Schwangerschaft, Epilepsie oder schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten darauf verzichten.

Über den Autor
Nils Hammann
Breathwork-Coach aus Bielefeld. Zeigt dir, wie du mit kraftvollen Atemrunden und langen Atempausen in deinem Tempo übst.
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