
Nervensystem
Atemübung bei Angst: Was im Moment selbst wirklich hilft
Angst verändert deine Atmung, noch bevor du den ersten klaren Gedanken fassen kannst. Sie wird schneller und deutlich flacher. Der Atem rutscht nach oben in die Brust und die Schultern ziehen sich unwillkürlich nach oben.
Das ist keine Einbildung und auch kein Kontrollverlust. Es ist ein uraltes biologisches Programm, das deinen Körper auf eine schnelle Handlung, auf Kampf oder Flucht, vorbereitet.
Der Haken an der Sache ist jedoch: Diese flache, schnelle Atmung ist ein fester Teil der Angstreaktion und hält sie gleichzeitig am Laufen. Es ist ein Kreis, der sich selbst antreibt und das Nervensystem in einem Zustand der Übererregung gefangen hält. Genau deshalb ist dein Atem ein sehr guter Punkt, an dem du diesen Kreislauf bewusst durchbrechen kannst.
Wie Angst unsere Atmung unbemerkt verändert
Wenn wir Angst verspüren, schüttet der Körper Stresshormone aus. Das sympathische Nervensystem übernimmt die Kontrolle. Diese Aktivierung ist in einer akuten Gefahrensituation lebensrettend, in unserem modernen Alltag jedoch oft überdimensioniert.
Wir atmen unbewusst mehr Luft ein, als wir eigentlich benötigen. Diese Überatmung führt dazu, dass wir zu viel Kohlendioxid abgeben. Paradoxerweise verengen sich dadurch die Blutgefäße im Gehirn, was zu Schwindel, Kribbeln in den Händen und einem Gefühl der Unwirklichkeit führen kann. Genau diese körperlichen Sensationen feuern die Angst weiter an.
Die Übung für den akuten Moment: Der Ausatem als Anker
Wenn die Angst aufsteigt, versuche nicht, tief und hektisch einzuatmen, um vermeintlich mehr Luft zu bekommen. Tue genau das Gegenteil. Verlängere ganz bewusst deine Ausatmung.
Atme für etwa 4 Sekunden ein und lasse den Atem dann für 6 bis 8 Sekunden durch leicht geöffnete Lippen sanft wieder ausströmen. Mehr braucht es in diesem Moment nicht.
Die verlängerte Ausatmung ist einer der verlässlichsten körperlichen Hebel, den du hast. Sie wirkt über den Vagusnerv direkt auf den Parasympathikus, den beruhigenden Teil deines Nervensystems. Und das Beste daran: Sie wirkt biologisch, selbst wenn dein Kopf noch mitten in der Angst steckt. Zähle dabei ruhig grob mit. Die Sekunden müssen nicht exakt stimmen, das Verhältnis von einer kürzeren Einatmung zu einer deutlich längeren Ausatmung genügt völlig.
Wenn der eigene Atem zum Auslöser wird
Kennst du das Gefühl, dass genaues Hinspüren die Sache manchmal schlimmer macht statt besser? Bei manchen Menschen verstärkt die plötzliche Aufmerksamkeit auf die eigene Atmung genau das, was gerade so unangenehm ist. Die Angst vor der Angst steigt. Das ist viel verbreiteter, als die meisten denken.
Falls du dich darin wiedererkennst, wähle einen Anker außerhalb deines Körpers. Zähle laut auf, was du im Raum siehst. Benenne einfach 5 konkrete Dinge. Danach lege deine Hand auf etwas Kühles, vielleicht eine Fensterscheibe, den Fußboden oder eine Tasse, und bleibe eine Weile genau bei dem Gefühl, das deine Haut dir meldet. Auch das holt dein System in die Sicherheit zurück, nur über einen anderen Eingang.
Welcher Weg für dich der bessere ist, findest du am besten an einem ruhigen Tag heraus und nicht mitten im Sturm. Deshalb lohnt es sich, beide Strategien einmal in Ruhe und ohne akuten Druck auszuprobieren.
Der Unterschied zwischen Angst und einer Panikattacke
Angst baut sich meist graduell auf und lässt sich oft einer bestimmten Situation zuordnen. Ein wichtiges Gespräch steht an, die Zukunft ist unsicher, etwas könnte schiefgehen. Der Körper steht unter Anspannung, aber wir können noch eingeschränkt agieren.
Eine Panikattacke hingegen kommt meist extrem plötzlich und ist begleitet von sehr starken, fast überwältigenden körperlichen Empfindungen, oft vollkommen ohne einen erkennbaren Auslöser von außen. Das Nervensystem schlägt maximalen Alarm.
Beide Zustände brauchen einen etwas anderen Umgang. Für Panikattacken gibt es einen eigenen, ausführlicheren Artikel mit dem Titel Breathwork bei Panikattacken, der noch spezifischer auf diese Extremmomente eingeht.
Was langfristig den größten Unterschied macht
Die Übung mit der verlängerten Ausatmung hilft dir im akuten Moment. Die eigentliche und nachhaltige Arbeit passiert jedoch an den ruhigen Tagen.
Wer im Alltag häufiger mit Angst zu tun hat, gewinnt am meisten, wenn die eigene CO2 Toleranz steigt. Das klingt im ersten Moment technisch, ist aber erstaunlich alltagsnah. Je besser dein System einen leichten Anstieg von Kohlendioxid im Blut verträgt, desto später schlägt es überhaupt erst Alarm. Dein Körper wird resilienter gegen den unbewussten Lufthunger.
Dass sich diese regelmäßige Arbeit lohnt, ist inzwischen wissenschaftlich breit untersucht. In einer großen Auswertung aus dem Jahr 2023 flossen allein zum Thema Ängstlichkeit zwanzig kontrollierte Studien ein. Die Menschen, die regelmäßig und bewusst atmeten, kamen im Mittel besser zurecht als die Vergleichsgruppen. Die Autoren weisen zugleich auf die begrenzte Qualität der Einzelstudien hin.
Wichtig dabei ist das Wort sanft. Baue diese Toleranz über eine ruhige Nasenatmung im Alltag auf, nicht über extremes Luftanhalten. Bei einer Neigung zur Angst ist die Versuchung groß, sich und dem Körper etwas beweisen zu wollen, doch genau das geht meistens nach hinten los und erzeugt neuen Stress.
Wo diese Arbeit in meiner Begleitung ansetzt
Was du im akuten Moment tust, um dich zu beruhigen, gehört zur Regulation. Woran du zwischendurch an den ruhigen Tagen arbeitest, um widerstandsfähiger zu werden, gehört zur reinen Atemfunktion. Beide Bausteine sind essenziell für ein ausbalanciertes Nervensystem.
Wenn Angst jedoch über längere Zeit deinen Alltag massiv mitbestimmt und dich einschränkt, gehört sie immer in professionelle Hände. Eine körperorientierte Einzelsession kann eine psychotherapeutische Behandlung wunderbar begleiten, sie aber niemals ersetzen.
Bist du schwanger, hast du hohen Blutdruck, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung oder Epilepsie, lässt du die Übungen zur CO2-Toleranz weg.
Wenn du für dich klären möchtest, welcher Weg bei dir trägt, der über den Atem oder der über den Anker von außen: Im kostenfreien Kennenlernen finden wir das in Ruhe heraus, an einem ruhigen Tag und nicht mitten im Sturm.
Dieser Artikel ordnet allgemein verfügbares Wissen ein und ersetzt keine individuelle ärztliche oder therapeutische Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder vor Beginn einer neuen Atempraxis sprich im Zweifel mit deinem Arzt/deiner Ärztin oder deinem Therapeuten/deiner Therapeutin.
Quelle
Fincham, G. W. et al. (2023): Effect of breathwork on stress and mental health: A meta analysis of randomised controlled trials, Scientific Reports 13:432.
Häufige Fragen
Wie verändert sich die Atmung bei Angst?
Sie wird sehr schnell, flacher und verlagert sich oft hoch in die Brust, anstatt tief in den Bauch zu fließen. Diese unbewusste Veränderung ist ein Teil der körperlichen Angstreaktion und verstärkt sie gleichzeitig, wodurch ein sich selbst erhaltender Kreislauf entstehen kann.
Welche Atemübung hilft bei aufkommender Angst?
Die Ausatmung bewusst zu verlängern ist die beste Methode. Etwa 4 Sekunden einatmen und 6 bis 8 Sekunden durch leicht geöffnete Lippen wieder ausatmen. Diese verlängerte Ausatmung ist einer der verlässlichsten Hebel, weil sie über den Vagusnerv direkt auf den beruhigenden Teil des Nervensystems einwirkt.
Was ist dabei besonders wichtig?
Den Atem sanft zu begleiten, anstatt ihn krampfhaft kontrollieren zu wollen. Der Versuch, in der Angst alles perfekt richtig zu machen, erhöht die Anspannung im Körper oft noch weiter. Mache es dir so leicht wie möglich.

Über den Autor
Nils Hammann
Breathwork-Coach aus Bielefeld. Zeigt dir, wie du über deinen Atem dein Nervensystem beruhigst und steuerst.
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