Zum Inhalt springen
Ist Breathwork gefährlich? Kontraindikationen und Risiken im Überblick

Tiefe

Ist Breathwork gefährlich? Kontraindikationen und Risiken im Überblick

Nils Hammann· 22. Februar 2026· 8 Min.

Atemarbeit wird aktuell als kraftvolles Werkzeug für Stressabbau, mentale Klarheit und emotionale Heilung gefeiert. Doch je intensiver die Techniken werden, desto öfter taucht eine berechtigte Frage auf: Gibt es bei Breathwork auch Gefahren oder gesundheitliche Risiken?

Die kurze Antwort lautet: Alltägliche, beruhigende Atemübungen sind für gesunde Menschen in der Regel unbedenklich. Bei intensiven Atemformen wirken jedoch starke physiologische Kräfte auf deinen Körper. Dazu gehört das zirkuläre Atmen aus der transformativen Atemarbeit und die Wim Hof Methode aus dem Kapazitätsaufbau.

Wer die eigenen Grenzen kennt und wesentliche Kontraindikationen beachtet, ist mit der transformativen Atemarbeit gut aufgehoben.

Hype versus Sicherheit: Wie gefährlich ist Breathwork wirklich?

Wir müssen grundsätzlich zwischen zwei Arten der Atempraxis unterscheiden.

Sanfte Alltagsübungen wie die funktionelle Nasenatmung, die Lippenbremse oder langsames Entspannungsatmen regulieren dein Nervensystem sanft. Diese Methoden sind für die meisten gesunden Menschen gut geeignet.

Intensive Atemformen (oft als aktives Breathwork, zirkuläres Atmen oder Holotropes Atmen bezeichnet) nutzen hingegen gezielte Hyperventilation. Dadurch wird der Körper kurzfristig in einen physiologischen Ausnahmezustand versetzt. Das ist für gesunde Organismen ein hochwirksamer Trainingsreiz, erfordert bei gewissen Vorerkrankungen jedoch klare Grenzen.

Die Physiologie intensiver Atemtechniken: Was im Körper passiert

Um die Risiken zu verstehen, hilft ein Blick auf die Biochemie. Beim schnellen, tiefen Atmen ohne Pausen passiert Folgendes:

  • Kohlendioxidabfall und Alkalose: Du bläst massiv Kohlendioxid (CO2) ab. Der pH-Wert deines Blutes steigt an und wird kurzfristig basisch.
  • Gefäßverengung: Durch den niedrigen CO2-Spiegel verengen sich die Blutgefäße minimal, was zu Schwindel, Kribbeln in den Händen oder leichten Muskelkrämpfen führen kann.
  • Adrenalinausschüttung: Der Körper schüttet Stresshormone aus, die Herzfrequenz steigt und der Blutdruck zieht an. Wie sich dieser Zustand auf das Nervensystem auswirkt, liest du im Beitrag über Sympathikus und Parasympathikus.

Für einen gesunden Körper ist dieser kurzzeitige Stress vollkommen ungefährlich. Liegen jedoch bestimmte gesundheitliche Einschränkungen vor, kann diese Mehrbelastung problematisch werden.

Die wichtigsten Kontraindikationen: Wann Vorsicht geboten ist

Bei den folgenden gesundheitlichen Zuständen sollte auf intensive Atemtechniken verzichtet werden, also auf kraftvolle Atemrunden wie die Wim Hof Atmung und auf zirkuläres Atmen:

  • Schwangerschaft: Die Ausschüttung von Stresshormonen und die Veränderung der Blutgase können frühzeitige Wehen auslösen oder die Sauerstoffversorgung des Kindes beeinflussen.
  • Herz und Kreislauf Erkrankungen: Bei schwerem Bluthochdruck, erlittener Infarkthistorie oder Herzrhythmusstörungen ist die physische Belastung durch Adrenalin zu hoch.
  • Epilepsie: Durch die Veränderung des pH-Werts im Gehirn steigt die Aktivität der Nervenzellen, was epileptische Anfälle triggern kann.
  • Psychiatrische Vorerkrankungen: Bei akuten Psychosen, Schizophrenie oder schweren bipolaren Störungen können transformative Erfahrungen die Wahrnehmung zu stark destabilisieren.
  • Aneurysmen, Glaukom und Netzhautablösung: Der kurzzeitig erhöhte Druck im Kopf sowie im Augeninnenraum stellt bei Gefäßschwachstellen ein Risiko dar.
  • Frische Operationen und Wunden: Die starke Bewegung des Zwerchfells und die veränderte Gewebespannung können den Heilungsprozess stören.
  • Schlaganfall, Hirnblutung oder eine Verengung der Halsschlagader: Vorgeschädigte Gefäße vertragen die starken Schwankungen von Blutdruck und Blutgasen schlecht.
  • Blutverdünner und Gerinnungshemmer: Unter dieser Medikation wiegt jede Druckspitze im Kopf schwerer, deshalb gehört die Frage vorher in ärztliche Hände.
  • Schweres Asthma und COPD: Forcierte Atmung kann die Atemwege reizen. Wenn überhaupt, dann nur nach ärztlicher Rücksprache und mit Notfallspray in Reichweite.
  • Schwere Osteoporose: Krampfartige Anspannung und kräftige Zwerchfellbewegung belasten einen Knochen, der ohnehin wenig verträgt.
  • Diabetes: Intensive Atemarbeit verändert Stresshormone und Stoffwechsel und damit auch den Blutzucker.
  • ME/CFS, Long Covid, Post Covid und andere Fatigue-Erkrankungen: Ein starker Aktivierungsreiz kann hier eine Verschlechterung auslösen, die Tage bis Wochen anhält.
  • Stationäre psychiatrische Behandlung oder eine akute seelische Krise in den letzten 10 Jahren: Das gehört vorab besprochen und nicht mitten in einer Session entschieden.
  • PTBS mit aktuell starken Symptomen: Ohne traumainformierte Begleitung kann eine intensive Session überfordern statt entlasten.
  • Panikstörung und Angsterkrankungen: Die körperlichen Sensationen der intensiven Atmung ähneln denen einer Panikattacke und können sie auslösen.
  • Und der Punkt, der die Liste schließt: Jede andere Erkrankung oder Medikation, die deine Atmung, deinen Kreislauf, dein Bewusstsein oder deine Belastbarkeit beeinflusst.

Das ist die Kurzfassung. Die vollständige Liste steht unter Kontraindikationen. Vor einer Breathwork Journey oder einer Atemreise wird sie bei der Buchung abgefragt. Für eine begleitete Atemreise gilt außerdem ein Mindestalter von 18 Jahren.

Sicherheitsregeln für die Praxis: So schützt du dich

Unabhängig von deiner Gesundheit gelten für intensive Atemreisen und kraftvolle Atemrunden strikte Sicherheitsregeln:

  1. Niemals im Wasser, im Stehen oder beim Autofahren: Durch das Abatmen von CO2 kann es in seltenen Fällen zu einer kurzzeitigen Ohnmacht kommen. Im Wasser besteht dadurch lebensgefährliche Ertrinkungsgefahr. Übe deshalb im Liegen. Einfache kraftvolle Atemrunden gehen auch im stabilen Sitz auf dem Boden, mit freiem Raum um dich.
  2. Professionelle Begleitung: Mache tiefe Atemreisen zu Beginn immer mit einem erfahrenen, traumainformierten Atembegleiter, der für dich einen sicheren Raum hält.
  3. Selbstregulation achten: Du behältst jederzeit die volle Kontrolle. Wenn dir Sensationen zu viel werden, passe deinen Atem an, wie im Artikel über Zittern und Weinen beim Atmen beschrieben.

Theorie ist gut. Erleben ist besser.

Breathwork ist ein kraftvolles Werkzeug, das Respekt und Fachwissen erfordert. Mit dem richtigen Bewusstsein für deinen eigenen Körper wird die Atempraxis zu einem der sichersten Wege für persönliche Transformation.

Möchtest du wissen, welche Atemform zu dir passt? Im kostenfreien Webinar Breathwork Basics zeige ich dir die Reihenfolge, die dein System schützt.

Dieser Artikel ordnet allgemein verfügbares Wissen ein und ersetzt keine individuelle ärztliche oder therapeutische Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder vor Beginn einer neuen Atempraxis sprich im Zweifel mit deinem Arzt/deiner Ärztin oder deinem Therapeuten/deiner Therapeutin.

Quellen

Kox, M. et al. (2014): Voluntary activation of the sympathetic nervous system and attenuation of the innate immune response in humans, PNAS 111(20):7379 bis 7384.

Rhinewine, J. P. und Williams, O. J. (2007): Holotropic Breathwork: The Potential Role of a Prolonged, Voluntary Hyperventilation Procedure as an Adjunct to Psychotherapy, Journal of Alternative and Complementary Medicine 13(7):771 bis 776.

Häufige Fragen

Kann Breathwork Angst oder eine Panikattacke auslösen?

Da aktives Breathwork das Nervensystem stark stimuliert und ungewohnte körperliche Sensationen hervorruft, kann bei entsprechender Veranlagung oder Vorgeschichte kurzzeitig Unruhe aufkommen. In einer professionell begleiteten Session lernst du jedoch genau in solchen Momenten, dass dein Körper sicher ist. Du kannst das Tempo jederzeit selbst drosseln, sanft durch die Nase atmen und die Augen öffnen, um dich sofort wieder im Raum zu verankern.

Darf ich bei leichtem Asthma Breathwork machen?

Bei diagnostiziertem Asthma gehört die Frage, welche Atemübungen für dich passen, in ärztliche Hände. Intensive transformative Atemreisen sollten jedoch nur nach Rücksprache mit dem Arzt und mit griffbereitem Notfallspray durchgeführt werden.

Gilt das Verbot für Schwangere für JEDE Atemübung?

Nein! Schwangere profitieren enorm von entspannender Bauchatmung, sanfter Nasenatmung oder geführten Entspannungsübungen. Lediglich intensive Hyperventilation, langes Luftanhalten und Druckaufbau im Bauchraum sind tabu.

Hat dir das weitergeholfen?
Nils Hammann

Über den Autor

Nils Hammann

Breathwork-Coach aus Bielefeld. Begleitet Menschen behutsam durch tiefere Atemreisen und intensivere Prozesse.

Mehr über Nils →

Nächster Schritt

Theorie ist gut. Erleben ist besser.

Wenn du spüren willst, was du gerade gelesen hast: im kostenfreien Live-Webinar zeige ich dir das Fundament und die drei Säulen von Breathwork, mit Übungen zum Mitmachen.