Atemregulation
Ein gesundes Nervensystem ist nicht ruhig
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Du machst eine Atemübung, und danach bist du immer noch aufgedreht.
Der erste Gedanke ist fast immer derselbe: Es hat nicht funktioniert. Oder schlimmer: Bei mir funktioniert es nicht.
Der Gedanke kommt aus einem Maßstab, der falsch ist.
Woher die Idee kommt
Ruhe fühlt sich gut an, und die gesamte Bildsprache rund um Entspannung arbeitet damit. Jemand sitzt im Schneidersitz am See. Niemand fotografiert einen Menschen, der gerade hochfährt und sich danach wieder fängt.
Dabei ist genau das die eigentliche Leistung.
Was ein gesundes System wirklich auszeichnet
Es ist nicht die ganze Zeit ruhig. Das wäre sogar ein schlechtes Zeichen.
Ein gesundes Nervensystem ist belastbar und beweglich. Es kann in Erregung gehen, wenn etwas ansteht, und es kommt danach wieder herunter. Es darf auch aus dem Toleranzfenster fallen, solange es innerhalb einer normalen Zeitspanne zurückfindet.
Der Maßstab ist nicht die Ruhe. Der Maßstab ist die Rückkehrzeit.
Erst wenn du Mühe hast zurückzukommen, wird es zu einem Thema.
Die zweite Verwechslung
Es geht auch nicht darum, sich ruhig zu fühlen.
Es geht darum, sich im eigenen Körper sicher zu fühlen. Das ist etwas anderes, und der Unterschied ist leicht zu übersehen. Du kannst still sitzen, du kannst meditieren, und dich dabei trotzdem nicht sicher fühlen.
Umgekehrt genauso: Der Zustand, in dem dein System auf Sicherheit gestellt ist, kann aufgeregt sein, freudig, leidenschaftlich und hellwach. Er hat viele Geschmacksrichtungen. Die gemeinsame Zutat heißt Sicherheit.
Wie diese Zustände zusammenhängen, steht in Polyvagal-Theorie einfach erklärt.
Was das für deine Übungen ändert
Einiges, und zwar sofort.
Wenn Ruhe der Maßstab ist, misst du nach jeder Übung, wie ruhig du bist. Und wenn du es nicht bist, hast du versagt. Das erzeugt genau die Anspannung, die du loswerden wolltest.
Wenn Rückkehrzeit der Maßstab ist, misst du etwas anderes: Wie lange brauche ich heute, um nach einer Aufregung wieder unten zu sein? Vor drei Monaten den ganzen Abend. Heute vielleicht zwanzig Minuten.
Das ist Fortschritt, und der ist sichtbar.
Messbar wird diese Beweglichkeit übrigens an deiner Herzratenvariabilität, siehe HRV und Atmung.
Was ich in Sessions dazu sage
Reguliert heißt nicht ruhig. Reguliert heißt: du kommst zurück.
Wer das einmal verstanden hat, hört auf, gegen die eigene Aktivierung zu kämpfen. Und hört damit an dem Tag auf, an dem er es hört.
Wo das in meiner Arbeit steht
Das hier ist die zweite Säule, die Atemregulation. Sie arbeitet genau an dieser Beweglichkeit.
Welche Übungen dafür infrage kommen, steht in Nervensystem regulieren. Weitere verbreitete Sätze über das Atmen stehen in Atem-Mythen.
Und wenn du das Gefühl hast, dass deine Rückkehrzeit zu lang geworden ist, ist eine Einzelsession der Ort, an dem wir das ansehen.
Quelle
1. Porges, S. W. (2022): Polyvagal Theory: A Science of Safety, Frontiers in Integrative Neuroscience 16:871227.
Häufige Fragen
Muss ich mich nach einer Atemübung ruhig fühlen?
Nein. Der bessere Maßstab ist, wie schnell du nach einer Aufregung wieder herunterkommst. Ein bewegliches Nervensystem darf hochfahren, solange es in normaler Zeit zurückfindet.
Was bedeutet reguliert?
Reguliert bedeutet beweglich, nicht ruhig. Ein reguliertes Nervensystem kann aktivieren und wieder herunterfahren. Entscheidend ist die Rückkehrzeit, nicht der Dauerzustand.
Woran merke ich Fortschritt bei Atemübungen?
An der Zeit, die du nach einer Belastung brauchst, um wieder in einen ruhigeren Zustand zu kommen. Diese Spanne verkürzt sich mit regelmäßiger Übung oft deutlich, bevor sich sonst etwas verändert.
Dieser Artikel ordnet allgemein verfügbares Wissen ein und ersetzt keine individuelle ärztliche oder therapeutische Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder vor Beginn einer neuen Atempraxis sprich im Zweifel mit deinem Arzt/deiner Ärztin oder deinem Therapeuten/deiner Therapeutin.

Über den Autor
Nils Hammann
Breathwork-Coach aus Bielefeld. Zeigt dir, wie du über deinen Atem dein Nervensystem beruhigst und steuerst.
Mehr über Nils →Nächster Schritt
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