Atemfunktion
Atem-Mythen: was davon wirklich stimmt
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Die meisten Sätze über das Atmen, die du im Netz findest, sind nicht erfunden.
Sie sind schlimmer: Sie sind halb richtig.
Eine echte Beobachtung, an die jemand die falsche Erklärung gehängt hat. Und weil die Beobachtung stimmt, funktioniert der Satz. Er wird weitergereicht, landet auf einer Krankenkassenseite, und von dort in jedem zweiten Artikel.
Ich sammle diese Sätze seit Jahren. Hier sind sechs davon.
Die Regel, die für alle gilt
Bevor es losgeht, eine Sache vorweg, weil sie den Unterschied macht.
Ein Mythos ist fast nie vollständig falsch. Er ist meistens eine richtige Beobachtung mit einer falschen Erklärung. Oder eine richtige Aussage im falschen Anwendungsbereich.
Wer nur sagt, dass etwas falsch ist, verliert das Gespräch. Auch wenn er recht hat. Wer sagt, was an der Beobachtung stimmt und wo die Erklärung abbiegt, gewinnt es.
So gehe ich hier vor.
1. Tief durchatmen bringt mehr Sauerstoff ins Gehirn
Das ist der wichtigste Mythos von allen. Er steht hinter fast jedem anderen.
Was daran stimmt: Der tiefe Atemzug fühlt sich gut an. Die Dehnung der Lunge löst über Dehnungsrezeptoren einen kurzen Beruhigungsimpuls aus. Das ist echt.
Was nicht stimmt, ist die Erklärung. Dein Blut ist gerade jetzt zu etwa 98 Prozent mit Sauerstoff gesättigt, während du diese Zeile liest. Da ist kein Platz für mehr.
Was beim starken Atmen tatsächlich passiert, geht in die andere Richtung, siehe Bringt tiefes Atmen mehr Sauerstoff ins Gehirn.
2. Der Vagus ist der Beruhigungsnerv
Aktivier ihn, dann wirst du ruhig. So steht es überall.
Jack Feldman, der den Atemrhythmusgenerator im Hirnstamm entdeckt hat, nennt diesen Satz ausdrücklich einen Mythos. Sein Gegenbeleg kommt aus dem Operationssaal: In der Narkose wird der Vagus stimuliert, um das Gehirn zu wecken, wenn jemand zu tief absinkt.
Und der Denkfehler dahinter ist noch grundsätzlicher. Der Vagus ist kein Ding mit einer Wirkung. Der Lungenast ist nicht der Bauchast ist nicht der absteigende Ast. Rund 85 Prozent seiner Fasern sind sensorisch, sie melden nach oben.
Mein Satz dazu: Der Vagus ist keine Beruhigungsleitung. Er ist eine Meldeleitung. Wenn du dafür sorgst, dass er Ruhe meldet, wirst du ruhig. Wie das geht, steht in Vagusnerv aktivieren durch Atmung.
3. Durch die Nase bekommst du 20 Prozent mehr Sauerstoff
Diese Zahl steht in Büchern, auf Kongressbühnen und in hunderten Artikeln.
Sie hat nur nie jemand gemessen.
Was sich messen lässt, ist etwas anderes und mindestens so interessant: In deinen Nasennebenhöhlen entsteht Stickstoffmonoxid, das mit der eingeatmeten Luft in die Lunge gelangt und dort die Durchblutung verbessert. Das ist belegt, siehe Nasenatmung.
Die Nase gewinnt also. Nur nicht mit dieser Zahl.
4. Ein gesundes Nervensystem ist ruhig
Kennst du das Gefühl, bei einer Atemübung nicht ruhig genug zu werden und dir deshalb selbst im Weg zu stehen?
Der Maßstab ist falsch.
Ein gesundes Nervensystem ist nicht die ganze Zeit ruhig. Das wäre sogar ungesund. Es ist belastbar und beweglich: Es kann hochfahren und wieder herunterkommen. Ausführlich in Ein gesundes Nervensystem ist nicht ruhig.
5. Besser atmen hat keine Nebenwirkungen
Dieser Satz fällt selten so deutlich. Er wirkt eher dadurch, dass niemand das Gegenteil sagt.
Was daran stimmt: Die kurzen, ruhigen Techniken sind tatsächlich unproblematisch. Bei langsamem Atmen mit längerer Ausatmung ist kaum vorstellbar, dass etwas passiert.
Die intensiven Formate sind eine andere Sache. Wer über längere Zeit stark atmet, verschiebt seine Atemchemie deutlich, und dafür gibt es eine Liste von Menschen, bei denen das nicht angezeigt ist.
Deshalb steht bei mir unter jeder Technik, für wen sie ausfällt. Mehr dazu in Ist Breathwork gefährlich.
6. Wer keine Gegenanzeige nennt, hat keine
Dieser hier steht nirgendwo. Er wirkt durch Abwesenheit.
Von den geführten Atemsessions, die ich für mein eigenes Wissenssystem ausgewertet habe, nennt keine einzige eine medizinische Gegenanzeige. Kein Wort zu Schwangerschaft, Herz-Kreislauf, Epilepsie, Glaukom. Die einzige Grenze, die genannt wird, ist das eigene Wohlgefühl.
Das reicht nicht. Bei manchen Beschwerdebildern warnt das Wohlgefühl zu spät oder gar nicht.
Deshalb steht bei mir unter jeder Technik, für wen sie ausfällt, und es gibt eine eigene Seite für Kontraindikationen. Die Einordnung dazu in Ist Breathwork gefährlich.
Warum ich das aufschreibe
Nicht, um jemanden bloßzustellen.
Die meisten dieser Sätze kommen von Menschen, die es gut meinen und die mit ihrer Arbeit echten Nutzen stiften. Die Übungen wirken. Das bestreitet hier niemand, und ich am allerwenigsten.
Aber eine falsche Erklärung hat Folgen. Wer glaubt, tiefes Atmen bringe mehr Sauerstoff, atmet bei Aufregung noch mehr und macht es schlimmer. Wer glaubt, ein gesundes System sei ruhig, hält die eigene Aktivierung für ein Versagen.
Die richtige Erklärung macht die Übung besser. Das ist der ganze Grund.
Wo das in meiner Arbeit steht
Diese Sammlung gehört zu keiner einzelnen Säule. Sie zieht sich durch alle drei: Atemfunktion, Atemregulation und Transformation.
Wie ich meine Arbeit ordne, steht in Was ist Breathwork.
Und wenn du einen dieser Sätze schon einmal gehört hast und wissen willst, was für dich daraus folgt: In einer Einzelsession ist Platz für genau solche Fragen.
Quellen
1. Immink, R. V. et al. (2014): Hyperventilation, cerebral perfusion, and syncope, Journal of Applied Physiology 116(7):844–851.
2. Lundberg, J. O. & Weitzberg, E. (1999): Nasal nitric oxide in man, Thorax 54(10):947–952.
3. Porges, S. W. (2022): Polyvagal Theory: A Science of Safety, Frontiers in Integrative Neuroscience 16:871227.
Häufige Fragen
Sind Atemübungen wirkungslos, wenn die Erklärungen falsch sind?
Nein. Die Wirkung der Übungen ist gut belegt, nur die verbreiteten Begründungen stimmen oft nicht. Eine richtige Erklärung macht die Übung sogar wirksamer, weil man sie dann anders dosiert.
Woran erkenne ich eine unseriöse Aussage über das Atmen?
Ein guter Prüfgriff ist die Frage, ob die Aussage überhaupt falsch sein könnte. Eine Zahl mit eingebauter Bedingung, bei der Abweichungen dem Übenden angelastet werden, ist keine Messung.
Bringt tiefes Einatmen mehr Sauerstoff ins Blut?
Kaum. Die Sauerstoffsättigung im Blut liegt in Ruhe bereits bei etwa 98 Prozent. Was sich beim starken Atmen verändert, ist vor allem der CO2-Spiegel, und der entscheidet darüber, wie gut der Sauerstoff im Gewebe ankommt.
Dieser Artikel ordnet allgemein verfügbares Wissen ein und ersetzt keine individuelle ärztliche oder therapeutische Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder vor Beginn einer neuen Atempraxis sprich im Zweifel mit deinem Arzt/deiner Ärztin oder deinem Therapeuten/deiner Therapeutin.

Über den Autor
Nils Hammann
Breathwork-Coach aus Bielefeld. Zeigt dir, wie dein Atem wirklich funktioniert – und wie du ihn gezielt einsetzt.
Mehr über Nils →Nächster Schritt
Theorie ist gut. Erleben ist besser.
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