Atemfunktion
Bringt tiefes Atmen mehr Sauerstoff ins Gehirn?
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Jemand ist aufgeregt, und was sagen alle?
Atme mal tief durch.
Der Rat ist gut gemeint, und der erste Atemzug hilft sogar. Nur nicht aus dem Grund, den fast alle nennen.
Wo der Sauerstoff gerade ist
Dein Blut ist in diesem Moment zu ungefähr 98 Prozent mit Sauerstoff gesättigt. Ohne dass du etwas dafür tust, im Sitzen, während du liest.
98 Prozent. Da ist kein Platz für viel mehr.
Jack Feldman hat den Atemrhythmusgenerator im Hirnstamm entdeckt, also die Stelle, die deinen Atem taktet. Er sagt dazu: Beim Hyperventilieren steigt normalerweise nicht der Sauerstoff, es sinkt das Kohlendioxid.
Und dann passiert das Gegenteil
Kohlendioxid ist kein Abfall. Es ist der Schlüssel.
Sinkt es ab, verengen sich deine Gefäße, auch die im Gehirn. Gemessen wurde das oft: Pro Millimeter Quecksilbersäule, den dein CO2 fällt, geht die Hirndurchblutung um zwei bis drei Prozent zurück.
In einer Untersuchung mit gesunden Menschen sank die Durchblutung im Gehirn um über 30 Prozent, als das CO2 auf 26 Millimeter Quecksilbersäule gedrückt wurde.
Und die Sauerstoffsättigung im Blut? Blieb dabei völlig normal.
Der Käfig um das Sauerstoffmolekül
Dazu kommt ein zweiter Effekt, und Feldman hat dafür ein Bild, das sofort sitzt.
Das Hämoglobin in deinem Blut ist ein Käfig um das Sauerstoffmolekül. CO2 verändert die Form dieses Käfigs, und erst dadurch wird der Sauerstoff frei.
Ohne genug CO2 bleibt der Sauerstoff also im Blut. Er ist da. Er kommt nur nicht heraus.
Das ist der Bohr-Effekt, und er ist über hundert Jahre alt. Mehr dazu in Warum weniger atmen oft mehr ist.
Warum der erste Atemzug trotzdem hilft
Jetzt der Teil, den ich wichtig finde.
Der tiefe Atemzug wirkt. Er fühlt sich gut an, und das ist keine Einbildung. In deiner Lunge sitzen Dehnungsrezeptoren, und wenn sie ansprechen, lösen sie einen kurzen Beruhigungsimpuls aus.
Der erste hilft. Der zehnte nicht mehr.
Genau da kippt es. Wer bei Aufregung immer weiter tief und schnell atmet, produziert Schwindel, Kribbeln und ein Gefühl von Enge, siehe Hyperventilation.
Was stattdessen
Ein tiefer Atemzug, gern. Und dann lang und ruhig ausatmen.
Die Ausatmung ist die Stellschraube, nicht die Einatmung, siehe Sympathikus und Parasympathikus.
Wenn du eine Anleitung dafür willst: Kohärentes Atmen ist die ruhigste Form davon.
Wo das in meiner Arbeit steht
Das hier ist die erste Säule, die Atemfunktion. Bevor du deinen Zustand steuern kannst, muss die Chemie stimmen.
Weitere verbreitete Sätze über das Atmen und was daran wirklich stimmt, stehen in Atem-Mythen.
Wer das an sich selbst nachvollziehen will, findet in einer Einzelsession den Rahmen dafür.
Quellen
1. Immink, R. V. et al. (2014): Hyperventilation, cerebral perfusion, and syncope, Journal of Applied Physiology 116(7):844–851.
2. Zaccaro, A. et al. (2018): How Breath-Control Can Change Your Life: A Systematic Review on Psycho-Physiological Correlates of Slow Breathing, Frontiers in Human Neuroscience 12:353.
Häufige Fragen
Wie hoch ist die Sauerstoffsättigung im Blut normalerweise?
Bei gesunden Menschen liegt sie in Ruhe bei etwa 95 bis 99 Prozent. Tieferes Atmen kann diesen Wert kaum noch steigern, weil er bereits nahe am Maximum liegt.
Warum wird mir beim schnellen Atmen schwindelig?
Weil der CO2-Spiegel sinkt und sich dadurch die Gefäße im Gehirn verengen. Die Durchblutung geht zurück, obwohl die Sauerstoffsättigung im Blut unverändert bleibt.
Ist tief durchatmen also sinnlos?
Nein. Ein einzelner tiefer Atemzug löst über Dehnungsrezeptoren in der Lunge einen kurzen Beruhigungsimpuls aus. Erst die Wiederholung über längere Zeit dreht den Effekt um.
Dieser Artikel ordnet allgemein verfügbares Wissen ein und ersetzt keine individuelle ärztliche oder therapeutische Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder vor Beginn einer neuen Atempraxis sprich im Zweifel mit deinem Arzt/deiner Ärztin oder deinem Therapeuten/deiner Therapeutin.

Über den Autor
Nils Hammann
Breathwork-Coach aus Bielefeld. Zeigt dir, wie dein Atem wirklich funktioniert – und wie du ihn gezielt einsetzt.
Mehr über Nils →Nächster Schritt
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